BUCHBESPRECHUNG: Ich wollte für sie sorgen - Über die Situation pflegender Söhne

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kamlei:
EMPFEHLUNG:  Lesenswert

Studie von Stefanie Klott
"Ich wollte für sie sorgen."

Die Situation pflegender Söhne:
Motivation, Herausforderungen und Bedürfnisse.

Erschienen 2010 im Mabuse Verlag Frankfurt am Main. Erscheinungsjahr: 2010, 271 Seiten, ISBN: 978-3-940529-57-2



Wer sich mit pflegenden Männern oder pflegenden Söhnen beschäftigen möchte, der kommt um die Studie von Stefanie Klott nicht herum. Für Mitarbeiter in den Bereichen der „Sozialen Arbeit sollte diese Studie zur Pflichtlektüre werden.

Stefanie Klott legt mit ihrer Studie eine Arbeit vor, die ein wenig ausgeleuchtetes Feld der Pflegewissenschaft behandelt. Sie untersucht in dieser Studie die Situation pflegender Söhne. Als Masterarbeit an der Katholischen Fachhochschule Freiburg vorgelegt, beginnt die Verfasserin Klott mit einer allgemeinen Einführung zur häuslichen Pflege. Mit dieser Übersicht führt diese Arbeit zum eigentlichen Thema der Arbeit hin. Was (leider) dazu führt, die vorhandene Problematik von Pflege und Erwerbstätigkeit nur sehr kurz zu streifen. Da besonders in langjährigen Pflegesettings hier der stärkste Problembereich aufritt, wäre es wünschenswert gewesen, einen Blick auf das neu geschaffene Sozialgesetzbuch II (Hartz IV) zu werfen und damit zusätzliches Problemfeld pflegender Angehöriger erkennbar zu machen.

Mit dem hohen Grad der Erwerbszentriertheit wird die Angehörigenpflege, neben dem guten Ausbildungsstand vieler Frauen in den nächsten Jahren, den Bereich der Pflegeversicherung unter Druck bringen, der bisher am stärksten von der Angehörigenpflege ökonomisch profitiert hat. Wechselwirkungen im System informeller Pflege zu Zielen einer Sozialmarktreform bleiben ausgeblendet. Das ist die einzige, aber deutliche Schwäche in der Studie. Es zeigt aber auch: Die heutige Angehörigenpflege ist „Grau“, der jüngste Proband in der Studie ist 42. Jahre.

Es ist damit einmal mehr das wissenschaftliche Feld gefordert, sich auch den jüngeren Jahrgängen, die informelle Pflege ausüben, zu nähern. Erst in diesen jüngeren Jahrgängen tauchen Problematiken auf, die in den höheren Jahrgängen nicht mehr ihre volle Wirkung entfalten wie die Ausbildung, ein Studium oder eine mögliche Erwerbslosigkeit. Auch fiskalische Überbelastungen junger pflegender Angehöriger sowie der Ausschluss von Sozialleistungen durch das Individualisierungsprinzip oder verfehlte Anreize der Subsidiarität sind hier zu nennen.

Über den methodischen Teil, den Klott ausführlich darlegt, wird der Bogen zum eigentlichen Untersuchungsgegenstand gespannt. Was an der Studie besticht, ist die kohärente Konzentration auf die Situation des weiblichen Blicks in den Beratungen, der die pflegenden Männer bzw. die pflegenden Söhne trifft. Neben der theoretischen Überlegung den Stefanie Klott im Kapitel „Theoretische Betrachtung pflegender Angehöriger aus der Perspektive der Sozialen Arbeit sind es die Schlüsse in den „Ergebnissen zur Situation pflegender Söhne“ welche die Arbeit auszeichnen. Noch einmal wird hier deutlich, wie der bisher sehr eng gerichtete Fokus auf die Belastung von pflegenden Angehörigen aus der weiblichen Perspektive die Pflegewirklichkeit verzehrt hat. Wenn Belastungen durch den Blick der weiblichen Brille als Maßstab  genommen werden, so führt es nicht nur in der Theorie zu Bildung von falschen Grundannahmen. Besonders in der Praxis, bei der Umsetzung von Entlastungsangeboten kommt es zu Indifferenzen die die Belastungen verstärken als mindern. Die Einrichtung von Pflegekursen für pflegende Männer ist da nur eine sinnvolle Ergänzung. Hier sollten die am Ende des Buches von Stefanie Klott formulierten Empfehlungen Standard in jeder Gründung von Pflegekursen werden.

Die Darstellung der Lebenswirklichkeiten der pflegenden Söhne ist gelungen. Sie spiegelt die Lebenssituation so, wie ist: nämlich das ganz normale Leben mit einer Angehörigenpflege.

Als pflegender Sohn habe ich mich in dieser Studie gut wiedergefunden. Wenn auch an mancher Stelle noch die Masterarbeit „atmete“. Es ist eines von zwei Büchern, die in die Bibliothek eines jeden pflegenden Angehörigen gehören. Das zweite Buch ist die Studie von Sabine Metzing über Kinder als pflegende Angehörige.

Für die Studiengänge der Sozialen Arbeit sind beide Werke unverzichtbar. Jeder der in der Angehörigenarbeit tätig ist sollte gezwungen werden diese zu lesen. Mich hat nicht die Pflege selbst belastet. Es waren die „Sozialen Arbeiterinnen“ die ohne Kenntnis mehr Schaden anrichteten als das sie halfen. Ich würde mir wünschen, ich hätte die Studie von Stefanie Klott schon früher bekommen können. Gerade das heute beliebte aber oftmals unreflektierte „Gender“ haben für die wahren Herausforderungen informeller Pflege keine Antwort geliefert. Hier nimmt Stefanie Klott eine (noch) einsame aber wichtige Position ein.

Rezension: Leif Kampermann

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