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Autor Thema: Neue Abzocke: Wie Pflegekonzerne mit "Ambulantisierung" Kasse machen  (Gelesen 3291 mal)
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« Antworten #2 am: 31. März 2015, 00:02 »

BIVA befürchtet Aushöhlung der Heimmitwirkung durch Ambulantisierung

Immer mehr vollstationäre Einrichtungen lagern ihren Pflegedienst aus. Das kann die Rechtslage für die Bewohnerbeiräte verändern. Sobald der Wohnraum und die Pflege nicht mehr aus einer Hand bereitgestellt werden, könnten Beiräte die rechtliche Grundlage für ihre Arbeit verlieren. Ulrike Kempchen, Leiterin Recht bei der Bundesinteressenvertretung der Nutzerinnen und Nutzer von Wohn- und Betreuungsangeboten im Alter und bei Behinderung e.V. (BIVA), befürchtet, dass dadurch das Mitwirkungsrecht der Bewohnerbeiräte ausgehöhlt wird.

Bewohnerbeiräte werden von den Bewohnerinnen und Bewohnern von Wohn- und Betreuungseinrichtungen gewählt. Sie vertreten deren Interessen gegenüber der Leitung und dem Träger. Ihre Mitwirkungsmöglichkeiten sind in den Landesheimgesetzen und Mitwirkungsverordnungen geregelt. Sie beziehen sich vor allem auf vollstationäre Einrichtungen, in denen Wohnen und Pflege aus einer Hand angeboten wird.

Mit der Auslagerung des Pflegedienstes in ein eigenes Unternehmen und die damit einhergehende Ambulantisierung kann der Status „vollstationär“ für das Heim wegfallen. Damit kann je nach Formulierung im jeweiligen Landesheimgesetz auch die gesetzliche Notwendigkeit für die Wahl eines Beirates entfallen. Der BIVA sind in ihrer Beratungsarbeit solche Vorgänge bekannt geworden.

Kempchen sieht hier dringenden Klärungsbedarf durch die Länder: „Die Ambulantisierung in den Einrichtungen nimmt deutschlandweit an Fahrt auf. Hier müssen Vorkehrungen getroffen werden, um die Rechte der Bewohner zu wahren. Schließlich ist der gewählte Beirat das einzige Gremium, das die Mitsprache der Bewohner in einer Einrichtung bündelt und rechtlich geltend machen kann. Eine Schwächung der gesetzlich verankerten Mitwirkung darf es nicht geben. Die Gesetzgeber sind gefordert hier für Klarheit im Sinne der Mitwirkung zu sorgen!“

Quelle: www.biva.de, 17.03.2015
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« Antworten #1 am: 23. November 2014, 19:09 »

Zitat
Ambulantisierung der Pflege
Vorgetäuschte Eigenständigkeit

Die Bremer Heimstiftung lagert Altenheimplätze aus. Nur wenige Bewohner profitieren. Aber für die Einrichtung hat es einen großen Vorteil.


VON SIMONE SCHNASE

BREMEN taz | Die Bremer Heimstiftung setzt nicht auf „klassische“ Pflegeheime, sondern auf Wohnformen, bei denen SeniorInnen unterstützt werden, aber eigenständig leben können.

Dennoch betreibt sie auch stationäre Bereiche für Pflegebedürftige – zumindest noch: Denn die meisten davon werden jetzt „Pflege-WG‘s“. In Claudia Schillers (Name geändert) Sinn ist das nicht: Sie hat ihre Mutter in einem anderen Heim untergebracht, nachdem deren Pflegeplatz in einer Einrichtung der Heimstiftung „ambulantisiert“ worden ist.

„Im Frühjahr erfuhr ich, dass meine Mutter ab Oktober nicht mehr im Pflegeheim, sondern in einer WG wohnen würde“, erzählt Schiller. Hintergrund einer solchen „Ambulantisierung“ ist die im Rahmen der Pflegereform beschlossene bessere finanzielle Unterstützung jener, die Angehörige zu Hause pflegen. Diese Leistungen können aber auch von Einrichtungen wie der Heimstiftung in Anspruch genommen werden.

„Der Platz meiner Mutter wurde immer pauschal bezahlt – jetzt sollte er in viele verschiedene Posten aufgeteilt werden“, sagt Schiller. Die waren in mehreren Verträgen aufgeführt: einer für Grundpflege und medizinische Versorgung, ein Betreuungsvertrag für den Tagesablauf und ein Vertrag für sogenannte „Zusatzleistungen“.

Diese Abrechnungsmethode spült bis zu 30 Prozent mehr Geld in die Kassen der Heimbetreiber als der Pauschalsatz für stationäre Pflege. „Bei der Heimstiftung hat man das offen gesagt – allerdings auch, dass dafür die Versorgung besser würde“, sagt Schiller.

Sie wollte es genau wissen und erfuhr, dass sich für ihre Mutter konkret gar nichts ändern würde, „denn gemeinsames Schnippeln in der WG-Küche interessiert meine Mutter nicht“, so Schiller.

„Sie hat ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Strukturen.“ Der Betreuungsvertrag sah drei Mal in der Woche Tagespflege, also Gruppenbeschäftigung wie Seniorengymnastik, vor – ebenfalls uninteressant für die 88-Jährige: „Aber diesen Vertrag muss man unterschreiben, da hat man keine Wahl“, so Schiller.

Ihre Eigenbeteiligung würde sich nicht erhöhen, habe man ihr versichert, „aber es gab einen Passus im Vertrag, in dem es recht undurchsichtig hieß, dass zusätzliche Kosten selbst getragen werden müssen“.

Ein anderer Punkt sah ein sogenanntes „Platzgeld“ vor, sollte jemand ohne Grund der Tagespflege fern bleiben: „Der Vertrag passte gar nicht zu meiner Mutter, sondern zu Menschen, die tagsüber von außerhalb zur Betreuung kommen“, sagt Schiller. Den Pflegevertrag bekam sie nicht zu Gesicht, „der sollte ganz aktuell vorgelegt werden“. Doch darauf mochte sie nicht mehr warten, sie ließ ihre Mutter in eine anderen Einrichtung umziehen – stationär, wie gewohnt.

Dem „Ambulantisierungstrend“ folgen immer mehr Einrichtungen, bestätigt Jörg Hons von der AOK Bremen. Dass Pflege außerhalb von Heimen besser vergütet wird, begrüßt er. „Aber wenn stationäre Einrichtungen plötzlich zu WGs werden, ist das schon ein bisschen merkwürdig.“ Für die Kassen bedeute das in jedem Fall Mehrkosten, „was aber nicht bedeuten muss, dass die Betroffenen dadurch irgendwelche Vorteile haben“.

„Wir haben ja auch viel Geld investiert und personell aufgestockt“, sagt Antje Sörensen von der Bremer Heimstiftung. So seien BetreuungsassistenInnen, ErgotherapeutInnen und AlltagsbegleiterInnen eingestellt und WG-Küchen und -Aufenthaltsräume gebaut worden: „Das ist richtig schön geworden!“ Das fänden auch die PatientInnen: „Manche brauchen weniger Medikamente und essen besser, weil sie ja auch selber kochen.“

Ihre Mutter, sagt Claudia Schiller, sei vor zehn Jahren freiwillig von einer ambulanten in eine stationäre Einrichtung gewechselt. „Vielleicht hätte sich für sie durch die Ambulantisierung auch nichts geändert und vielleicht wären mir auch keine Mehrkosten entstanden. Aber das war mir alles zu undurchsichtig.“ Darüber hinaus, sagt sie, „finde ich es nicht in Ordnung, die Sozialkassen ohne konkrete Gegenleistung zu schädigen“.
Quelle: http://www.taz.de/Pflege-zuhause-statt-im-Heim/!149991/, 21.11.2014
« Letzte Änderung: 28. November 2014, 22:19 von admin » Gespeichert

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« am: 05. November 2014, 02:14 »

ARD - REPORT MAINZ, TV-Sendung vom 04.11.2014, 21:45 Uhr

Neue Abzocke
Wie Pflegekonzerne mit "Ambulantisierung" Kasse machen



Quelle: http://www.reportmainz.de + http://youtu.be/REToVuHdK7s


[zur XL-Version des TV-Beitrags >>]

Zitat
Pflege: Einrichtungen wandeln stationäre Pflegeplätze in ambulante Pflege um

Experten und Krankenkassen sehen „Missbrauch“ und befürchten Kostenexplosion „im dreistelligen Millionenbereich“


Mainz. Pflegeheimbetreiber wandeln vermehrt stationäre Pflege in ambulante Pflegeplätze um und verursachen dadurch nach Einschätzung von Experten und Kassenvertretern enorme Zusatzkosten für die Kranken- und Pflegekassen. Das berichtet das ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ (heute, 21 Uhr 45 im ERSTEN).

Der Gesundheitsökonom Prof. Stefan Greß von der Hochschule Fulda kritisiert das Vorgehen von Heimbetreibern im Interview mit REPORT MAINZ als „Missbrauch“. Wörtlich sagte er: „Ich sehe diese Praxis der Umwandlung von Heimplätzen in ambulante Plätze als Etikettenschwindel, weil sich für die Bewohnerinnen und Bewohner nichts ändert, aber gleichzeitig die Kosten steigen.“ Er rechne sowohl für die Krankenkassen also auch für die Pflegekassen mit zusätzlichen Ausgaben „jeweils im dreistelligen Millionenbereich“.

Hintergrund ist, dass Heimbetreiber in ihren stationären Einrichtungen bestehende Pflegezimmer zu Appartements umfunktionieren und so ambulante Pflege- und Betreuungsleistungen einzeln abrechnen können. Fachleute sprechen dabei auch von „Ambulantisierung“. So können etwa die Pflege als ambulante Pflege und die Betreuung im Gemeinschaftsraum als Tagespflege abgerechnet werden. Hinzu kommen Leistungen der so genannten „häuslichen Krankenpflege“, also etwa die Medikamentengabe oder Wundversorgung, die von der Krankenkasse bezahlt werden.

In stationären Einrichtungen sind diese Leistungen hingegen pauschal mit dem jeweiligen Pflegesatz abgegolten REPORT MAINZ berichtet über den Pflegekonzern SeniVita gGmbH aus Bayreuth, der die Umwandlung zur Unternehmensstrategie erklärt hat. SeniVita hat nach eigenen Angaben inzwischen sechs seiner stationären Alten- und Pflegeeinrichtungen ambulantisiert. Im Interview mit REPORT MAINZ sagt SeniVita-Geschäftsführer Horst Wiesent, mit seinem Modell „Altenpflege 5.0“ könne man „unwahrscheinlich individuell die Pflegeleistung anbieten. Dadurch ist natürlich die Selbstbestimmung ganz ganz groß geschrieben.“

In einer der betreffenden SeniVita-Einrichtungen schilderten Pflegekräfte gegenüber REPORT MAINZ, dass trotz Wahlfreiheit alle Bewohnerinnen und Bewohner den SeniVita eigenen ambulanten Pflegedienst gewählt hätten, weil dies „aufgrund des Systems praktisch sei.“ Bewohner und Angehörige berichten, es habe sich in der Pflege und in den Abläufen de facto nichts geändert. Eine Angehörige sagte wörtlich: „Der einzige Unterschied ist, dass man jetzt ein Appartement gemietet hat, statt dass man in einem Pflegezimmer lebt.“

Die AOK Bayern sieht dieses Geschäftsmodell kritisch. Deren Direktor für Grundsatzfragen, Harold Engel, sagte gegenüber REPORT MAINZ: „Ich würde mal sagen, es ist eine Lösung, die sich nur erschließt, wenn es um die Frage geht, ob man damit besser Geld verdienen kann.“ REPORT MAINZ liegt exklusiv ein internes Papier der AOK Bayern vor. Demnach rechnet die Kasse auf Basis erster Abrechnungen allein in den SeniVita-Einrichtungen in der AOK-Direktion Bayreuth mit eigenen Mehrkosten von jährlich rund 400.000 Euro für die „häusliche Krankenpflege“. Wörtlich heißt es: „Diese Ausgaben entstehen allein durch die Umstellung von stationärer Pflege auf die ‚Altenpflege 5.0‘“.

SeniVita Geschäftsführer Wiesent räumt gegenüber REPORT MAINZ ein, dass das Modell für die Krankenkassen teurer werde. Für sein Unternehmen halte er künftig Umsatzsteigerungen von 30 Prozent für realistisch. Wegen eines erhöhten Aufwandes sei dies „legitim und letztlich auch gut so.“

Nach Recherchen von REPORT MAINZ haben Pflegeheimbetreiber bereits in sieben Bundesländern (Bayern, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Bremen, Hamburg, Brandenburg und Niedersachsen) solche „Ambulantisierungen“ vorgenommen.

Branchenkenner rechnen mit weiteren Umwandlungen, zumal der Bundestag in dem jüngst verabschiedeten Pflegestärkungsgesetz die ambulanten Leistungen weiter verbessert hat. So kann ab 01. Januar 2015 die Tagespflege neben der ambulanten Pflege zu 100 Prozent abgerechnet werden. Ziel der Politik ist es dabei vor allem, die häusliche Pflege in den eigenen vier Wänden zu stärken.

Das Bundesgesundheitsministerium teilte REPORT MAINZ auf Anfrage mit, es lägen ihm keine Angaben zu dem Ausmaß von Umwandlungen vor. Jede Verbesserung von Sachleistungen der Pflegeversicherung könne zu Umsatzsteigerungen bei den Leistungserbringern führen. Eine „Zunahme der ambulanten Versorgung in Wohngruppen“ führe indes „nicht zu einer Kostenexplosion“.

Dem hält Gesundheitsökonom Prof. Greß entgegen: „Ich befürchte, dass wir da noch am Anfang einer Entwicklung stehen, dass die Pioniere, die das jetzt machen anderen davon erzählen, damit auch so eine Art Lawine ins Rollen bringen.“
Quelle: www.reportmainz.de - SWR-Presseinformation 04.11.2014



ZITATE von Kommentaren bei FaceBook in Pflegeportalen:

"Das wird von der AWO doch schon seit Jahren erfolgreich gemacht. In Formen von Servicehäusern mit ambulanter Pflege."
(FB_PflegeOnline)


"... Wer jetzt noch glaubt, dass Gelder, die von der Politik für Betroffene locker gemacht werden, auch dort ankommen, ist stark im Irrtum. Statt mehr Personal und/oder mehr Gehalt gibt es satte 8% Rendite für potentielle Anleger (Spekulanten) bei Börsengang! Unglaublich!" (FB_Pflege Aktivisten)

"... kriminell, Abzocke 1. grades und es werden sich mit Sicherheit geld*zensiert*e Menschen finden, die auf Kosten der Pflegekassen und vor allem des Personals ihre 8 und mehr Prozent Rendite spekulieren. ..." (FB_Pflege Aktivisten)

Siehe dazu unbedingt auch einen sehr guten, leicht ironischen Textbeitrag (vermutlich aus Ende 2012):
"Bahrs Pflege-Eldorado: Ambulant ist das neue Stationär" [>>]
« Letzte Änderung: 12. Dezember 2014, 00:03 von admin » Gespeichert

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